Geschwister-Komplex in der Psychotherapie

Zwischen Nachahmung und Rivalität

Die wesentlichen Einflussfaktoren auf positive wie negative Geschwister-Komplexe sind die Geschwisterstellung (älteste, mittlere und jüngste Geschwister), abweichendes Aussehen vom Rest der Familie, Geschlechtszugehörigkeit und die Quantität und Qualität des zur Verfügung stehenden autonomen Raumes. Auch wenn Eltern ihre Kinder in gleicher Intensität lieben können, so lieben sie ihre Kinder doch höchst individuell und übertragen dabei unbewusst ihre unbearbeiteten Themen auf ihre Kinder unterschiedlich. Tief eingebrannte oder festgefrorene Verhaltensmuster und Empfindungen infolge Geschwisterstellung und Rivalität. Konkurrenzdenken wird dort empfunden, wo es nicht angebracht ist. Kollegen, Chefs und sogar Partner werden in gleicher Weise hierarchisch eingeordnet wie dies mit Geschwistern geschehen ist. Bei verlorenem Zwilling lange Suche nach der eigenen Stellung und diffuse Beziehungen zu Gegenübern.

Metaphorische Erzählung zum Geschwister-Komplex

Liebe, Hass, Bewunderung, Rivalität, Versöhnung, Zimmergröße

Warum kann ich nicht auch mal gewinnen? Einerseits bewundere ich meinen Bruder für das, was er schon kann und andererseits fühle ich mich ihm ständig unterlegen. Wie sehr ich mich auch anstrenge, ist er mir immer eine Nasenlänge voraus. Ich bin das jüngste Kind unserer Eltern - also eine Nachzüglerin - die sich, obwohl es schön eingerichtet ist, mit dem kleinsten Zimmer begnügen muss. Mein Bruder war zuerst da, und so hat er auch das beste und größte Zimmer bekommen. Und so ist er mir auch im „Besitzen“ voraus. Ich liebe ihn, weil er mein Bruder ist und hasse ihn, weil ich ihm gegenüber immer den Kürzeren ziehen muss. Je älter ich wurde, das „kleine“ Zimmer bereits verlassen, im Beruf stehend und eine eigene Familie habend, merkte ich mehr und mehr, wie sehr mich die Beziehung aus meiner Kindheit zu meinem Bruder nach wie vor beeinflusst. In meiner Ehe, in der Erziehung meiner Kinder aber auch in meiner Firma als Angestellte. Ich strenge mich nach wie vor mehr an als andere, bin erpicht darauf das Beste zu geben, nur um immer wieder zu empfinden, dass ich es doch nicht schaffe, gegen all die anderen „Rivalen“ anzukommen, bzw. vorbeizukommen. Obwohl die Erfahrungen mit meinem Bruder nun schon Jahrzehnte zurückliegen, merke ich in vielen Situationen, dass die Auswirkungen unserer Geschwisterschaft nach wie vor bestehen und sich auf meine Beziehungen zu Partnern, Freunden, meinen Kindern und Vorgesetzten wie auch Arbeitskollegen auswirken.
GLAPA PLUS
Sergiusz Lesław Glapa
Praxis für bewusstseins-integrative Psychotherapie
Waldschlößchenstr. 24
01099 Dresden
crossmenuchevron-down